September 20, 2026
Es ist Sonntag, 26 Grad, und Berlin sucht Schatten. Am Bahnhof Gesundbrunnen arbeitet trotzdem ein Gleisbauteam unter Hochdruck, denn hier muss eine komplette Weiche samt Gleisen raus und eine neue rein. Dafür hat das Team etwa 54 Stunden Zeit: von Freitagabend bis Montag früh, bevor der Berufsverkehr startet. Auf den Nachbargleisen fahren die Züge in dieser Zeit weiter. In unserer neuen XPLORE-Folge begleiten wir Bauleiter Morten durch dieses Wochenende.

Die Strecke ist stark befahren, und an den Schienen treten immer wieder Fehler auf. Werden sie nicht behoben, muss die Bahn dort langsamer fahren. Um das zu verhindern, wird die Weiche vorsorglich komplett erneuert. Gleichzeitig wird die Strecke aufgerüstet: Statt der kleineren S54-Schiene kommt die größere UIC-Schiene zum Einsatz, die für schweren Güter- und Fernverkehr ausgelegt ist. Dafür baut das Team zusätzlich neue Übergangsschienen ein.
Damit es schneller geht, liegen Weichen, Neuschotter und alle anderen Materialien schon vorab neben dem Gleis bereit. Die ausgebauten Teile werden später getrennt und wiederverwertet. Die Schienen werden eingeschmolzen. Aus den Schwellen entsteht zum Beispiel eine Schottertragschicht für den Straßenbau.
Der Plan hat einen Haken: Baumaschinen müssen sich das Schienennetz mit Fern- und Regionalzügen teilen, und Personenzüge haben Vorrang. So braucht der Kran sieben Stunden bis zur Baustelle. Später steckt auch die Stopfmaschine fest. Bis dahin arbeitet ein Zwei-Wege-Bagger, der ständig vor- und zurückfährt, weil es kein freies Nachbargleis gibt. Eine Raupe bringt den Untergrund millimetergenau auf die richtige Höhe.
Warum jede Minute zählt, zeigt ein Blick auf die Vertragsstrafen. Dauert eine Sperrung länger als vereinbart, wird pro angefangener Minute eine Strafe fällig. Zuletzt waren das öffentlich dokumentiert 85 Euro pro Minute, auf Schnellfahrstrecken das Doppelte. Eine Stunde Verzug kostet also rund 5.000 Euro. Dazu kommen verspätete Folgezüge und durcheinandergeratene Dienstpläne, die sich über hunderte Kilometer auswirken. Trotzdem holt das Team den Rückstand auf: Die Weichen werden zwischen den Gleisen aufgenommen und direkt zur Einbaustelle gefahren. In der Nacht werden die Stopfarbeiten abgeschlossen, und die Baustelle liegt wieder im Zeitplan.
Die Schienen werden im SKV-Verfahren verbunden, einem Thermitschweißverfahren mit kurzer Vorwärmung. Bei extrem hohen Temperaturen schmilzt der Stahl an der Stoßlücke zusammen. Danach muss es schnell gehen: Das Team entfernt die Reaktionstiegel, schert den überstehenden Schweißwulst hydraulisch ab und schleift die Fahrfläche grob, solange der Stahl noch glüht. Anschließend muss die Verbindung langsam abkühlen.
Früher hatten Schienen kleine Lücken, damit sich der Stahl bei Wärme ausdehnen konnte. Daher kommt das typische Rattern aus alten Filmen. Heute ist das Gleis über Kilometer durchgeschweißt. Deshalb wird es bei einer festgelegten Neutraltemperatur eingebaut. An dieser Weiche liegt die Obergrenze bei 26 Grad. Wird es zu heiß, kann sich das Gleis seitlich verschieben, und es droht eine Entgleisung.
Allein in Berlin und Brandenburg gibt es im Sommer mindestens 20 Bahnbaustellen, deutschlandweit sind es 296. Das Netz der Deutschen Bahn bekommt die Gesamtnote „befriedigend“. Dahinter steht aber ein Sanierungsstau von 106 Milliarden Euro. Mit einzelnen 54-Stunden-Sperrungen kommt man gegen den Verschleiß nicht an. Deshalb setzt die Bahn auf Generalsanierungen: Ganze Streckenabschnitte werden über Monate komplett gesperrt und in einem Zug erneuert. Eigentlich sollte das bis 2031 abgeschlossen sein, inzwischen ist das Ziel um fünf Jahre nach hinten gerutscht. Der Grund: Der Bauindustrie fehlen die Kapazitäten.
Am Montag früh fahren die Züge am Gesundbrunnen wieder pünktlich nach Fahrplan. Die meisten Pendlerinnen und Pendler bekommen davon nichts mit – und genau darum geht es bei einer solchen Baustelle. Die ganze Folge findest du bei XPLORE auf unserem YouTube-Kanal.
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