365 Meter hoch, 300 Meter Nabenhöhe: In der Lausitz entsteht ein Höhenwindturm. Wie GICON Windenergie in neuen Höhen nutzbar machen will.
August 23, 2026
Ein 365 Meter hoher Höhenwindturm entsteht derzeit in der Lausitz und soll Wind in einer Höhe nutzen, in der er stärker und gleichmäßiger weht. Das von GICON entwickelte Teleskopprinzip soll ermöglichen, eine Windenergieanlage dieser Dimension mit konventioneller Krantechnik zu errichten. Ob daraus ein wirtschaftlich skalierbares Modell für die Energiewende wird, muss der spätere Betrieb zeigen.
Windenergie an Land steht vor einem bekannten Problem: In Bodennähe wird der Wind durch Häuser, Bäume und Gelände abgebremst und verwirbelt. Mit zunehmender Höhe verändern sich die Bedingungen. Der GICON-Höhenwindturm soll deshalb die Energie des Windes in deutlich größeren Höhen erschließen.
Die geplante Anlage erreicht eine Gesamthöhe von 365 Metern und eine Nabenhöhe von 300 Metern. Der Rotordurchmesser beträgt 126,2 Meter. Damit soll Wind genutzt werden, der in dieser Höhe stärker und gleichmäßiger weht.
Der Ansatz ist Teil eines größeren Energiesystems. Höhenwind soll mit klassischer Windenergie und Solarenergie kombiniert werden, deren Erzeugungsprofile sich ergänzen.
Professor Dr. Jochen Großmann beschreibt die Idee so:
„Wir haben nur Wind und Solar und Solar hat eine Jahreskurve, wo ich im Sommer den meisten Ertrag habe und im Winter teilweise nur auf 10 % runterkomme, und Wind hat genau das Gegenteil.“
GICON sieht in der Kombination mit Höhenwind das Potenzial für eine gleichmäßigere Stromerzeugung. Die Aussage, daraus könne eine nahezu grundlastfähige Versorgung entstehen, ist dabei als Projektaussage und nicht als bereits nachgewiesenes Betriebsergebnis einzuordnen.
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Die eigentliche Herausforderung liegt nicht allein in der Höhe, sondern in der Frage, wie eine solche Konstruktion gebaut werden kann. Für eine Serienanlage wäre es kaum sinnvoll, für jede Montage eine vollständig neue Infrastruktur aus Spezialkranen aufzubauen.
GICON setzt deshalb auf ein Teleskopprinzip. Der äußere Turm dient als Führung und Träger für einen inneren Turm, auf dem die Turbine sitzt. Dieser kann innerhalb der Konstruktion nach oben geschoben werden. Das Führungselement wird anschließend wieder abgesenkt und kann für weitere Anlagen eingesetzt werden.
Die Montage verlangt dabei hohe Präzision. Im Transkript wird ein Bauteil mit einem Gewicht von 300 Tonnen beschrieben. Bei der Montage müssen die einzelnen Elemente exakt zusammenpassen: „Da geht's um Millimeter, wo Bolzen nachher durchkommen, dass das alles sitzt und passt.“
Damit wird das Bauprinzip selbst zu einem zentralen Teil der Technologie. Die entscheidende Frage lautet nicht nur, ob eine Windenergieanlage 300 Meter hoch stehen kann, sondern ob sie sich unter realen Bedingungen wiederholbar und wirtschaftlich bauen lässt.
Die aktuelle Anlage ist als Pilotprojekt angelegt. GICON beschreibt als nächsten Schritt einen Pilotwindpark mit fünf Anlagen. Danach sollen die ersten 100 Serienanlagen folgen. Diese Zahlen sind als Zielsetzung des Unternehmens zu verstehen, nicht als bereits realisierte Projektpipeline.
Für die Pilotanlage wird aktuell eine Turbinenleistung von 3,8 Megawatt angegeben. GICON erwartet einen Jahresertrag von rund 18 Millionen Kilowattstunden und eine rechnerische Versorgung von etwa 6.000 Haushalten. Diese Werte sind Prognosen für den späteren Betrieb.
Auch bei der Leistungssteigerung geht es um eine Erwartung und nicht um einen bereits gemessenen Serienwert. GICON nennt unter den zugrunde gelegten Bedingungen ein Potenzial von bis zu 220 Prozent gegenüber herkömmlichen Anlagen. Entscheidend wird deshalb sein, welche Erträge der Höhenwindturm im tatsächlichen Betrieb erreicht.
Das Projekt hat auch Gegner. Nur wenige Kilometer entfernt liegt der Segelflugplatz Schwarzheide-Schipkau. Für die dort aktiven Piloten ist die geplante Anlage ein relevantes Sicherheitsproblem. Der Rotor hat einen Durchmesser von 126,2 Metern und soll in rund 300 Metern Höhe arbeiten. Die Sorge betrifft insbesondere mögliche Wirbelschleppen im Umfeld der Anlage. Diese Position ist ernst zu nehmen, auch wenn die konkrete Gefährdung fachlich und im jeweiligen Genehmigungskontext bewertet werden muss.
Auch der Flugbetrieb selbst ist Teil eines länger laufenden Konflikts. Die Räumungsklage der Gemeinde wurde am 8. Januar 2026 abgewiesen; der Pachtvertrag des Flugplatzes läuft weiter. Gleichzeitig bleibt der Flugbetrieb verboten.
Beim Vogelschutz setzt das Projekt auf verschiedene technische Maßnahmen. Dazu gehören versiegelte Oberflächen, Spikes sowie ein KI-gestütztes Kamerasystem. Erkennt das System einen geschützten Vogel, soll die Anlage automatisch abgeschaltet werden. GICON verweist außerdem auf Messungen mit einem 300 Meter hohen Windmessmast, bei denen eine geringe Fledermausaktivität in dieser Höhe festgestellt worden sei. Diese Ergebnisse sollten von unabhängigen Stellen eingeordnet werden, bevor daraus allgemeine Aussagen über die Umweltverträglichkeit von Höhenwind abgeleitet werden.
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Technisch ist der Höhenwindturm ein Versuch, eine neue Dimension der Windenergie mit einem neuen Bauprinzip zu verbinden. Wirtschaftlich ist die Frage offener. Die Bauzeit ist lang, die Konstruktion komplex und die Kosten sind hoch. Erst der Betrieb wird zeigen, ob der zusätzliche technische Aufwand durch höhere und gleichmäßigere Winderträge kompensiert werden kann.
GICON versteht Forschung und Entwicklung als Teil seiner Unternehmens-DNA: „Es ist unsere DNA als Firma. Gikon ist ein forschendes Ingenieurbüro.“
Der Gedanke hinter dem Projekt geht auf Professor Horst Bendix zurück, der die Nutzung des Windes in größeren Höhen vorangetrieben hat. Seine Haltung fasst ein Satz zusammen, der auch das Projekt prägt: „Geht nicht, gibt's nicht.“
Ob daraus ein neues Kapitel der Windenergie entsteht, entscheidet sich jetzt Schritt für Schritt: bei der Fertigstellung, bei den ersten Betriebsdaten und vor allem bei der Frage, ob sich das Prinzip wirtschaftlich vervielfältigen lässt.
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