March 8, 2026
85 Kilometer vor der deutschen Küste.
40 Meter tiefes Wasser.
60 km/h Wind, peitschende Wellen, salzige Gischt.
Ein Ort, an dem die Natur das Sagen hat. Und genau hier entsteht mit Nordlicht 1 & 2 der zweitgrößte Offshore-Windpark der Welt – mit einer geplanten Leistung von 1,6 Gigawatt. Das reicht rechnerisch, um rund 1,7 Millionen Haushalte in Deutschland mit Strom zu versorgen.
Das Besondere: Dieses Projekt wird ohne staatliche Förderung gebaut.
Doch wie baut man einen Windpark dieser Größenordnung mitten in der Nordsee? Lohnt sich das finanziell überhaupt? Und was hat das Ganze mit der weltweit größten Chemieanlage zu tun? Tauchen wir ein.
April 2023: Deutschland schaltet die letzten drei Atomkraftwerke ab – Isar 2, Emsland und Neckarwestheim. Mit einem Schlag fehlen rund 1,4 Gigawatt Leistung im Netz. Besonders spürbar wird das in Hanekenfähr, wo das Kernkraftwerk Emsland jährlich etwa elf Milliarden Kilowattstunden Strom produziert hatte – genug für rund 3,5 Millionen Haushalte. Für energieintensive Industrien wie BASF oder Salzgitter ist Strom keine Nebensache, sondern Existenzgrundlage. Entsprechend groß war die Nervosität.
Hier kommt Vattenfall ins Spiel.
Gemeinsam mit BASF entscheidet sich der Energiekonzern, den größten Offshore-Windpark Deutschlands auf eigene Kosten zu realisieren: Nordlicht 2. Zusammen mit Nordlicht 1 sollen jährlich 6 Terawattstunden Strom erzeugt werden. Das reicht für 1,7 Millionen Haushalte – oder eben für eine der größten Chemieanlagen der Welt in Ludwigshafen.
Wenn vom „größten Offshore-Windpark der Welt“ die Rede ist, kommt es auf die Perspektive an: Fläche oder Leistung?
Nordlicht positioniert sich leistungsmäßig ganz vorne – mit 112 Turbinen à 15 Megawatt.

Jede einzelne Turbine im Nordlicht-Park liefert 15 Megawatt Leistung.
Eine einzige Rotorumdrehung erzeugt genug Strom, um:
Der Rotordurchmesser beträgt 236 Meter. Das ergibt eine überstrichene Fläche von mehr als 43.000 Quadratmetern – fast sechs Fußballfelder.
Die Gondel wiegt zwischen 600 und 800 Tonnen. Die Rotorblätter sind 115 Meter lang. Die Hebelkräfte sind enorm. Statik, Materialwahl und Montage werden zur Ingenieursdisziplin auf Champions-League-Niveau.
Auch beim Material geht man neue Wege. Der Turm besteht aus Stahl – klassischerweise ein CO₂-intensives Produkt. Für Nordlicht setzt Vattenfall auf emissionsarmen Stahl aus Elektrolichtbogenöfen. Dabei wird Stahlschrott mit elektrischer Energie – idealerweise aus erneuerbaren Quellen – zu neuem Rohstahl verarbeitet.
Kurz gesagt: Schrott rein. Grüner Strom rein. Windkraftanlage raus.
Der Stahl der Türme ist nahezu vollständig recyclingfähig. Schwieriger wird es bei den Rotorblättern aus glas- oder kohlefaserverstärktem Kunststoff. Hier arbeiten Hersteller an besseren Recyclinglösungen.
Ein Beispiel: Das RecyclableBlade von Siemens Gamesa nutzt spezielle Harze, die sich am Lebensende chemisch trennen lassen. Auch Forschungsprojekte wie Decom-Blades oder Initiativen des Fraunhofer-Instituts treiben die Wiederverwertung voran.

Die Nordsee ist einer der am dichtesten befahrenen Seewege der Welt – und ein ehemaliges Kampfgebiet.
Bevor die Fundamente gesetzt werden können, muss jeder Quadratmeter gescannt werden. Über 100 Verdachtspunkte auf Seeminen aus dem Zweiten Weltkrieg wurden identifiziert. Gefundene Bomben werden per „Low Order Deflagration“ entschärft – dabei wird die Hülle aufgerissen, sodass der Sprengstoff kontrolliert ausbrennt.
Ist eine Sprengung nötig, kommt ein Blasenschleier zum Einsatz. Luftblasen dämpfen die Druckwelle um bis zu 80 Prozent – ein wichtiger Schutz für Meeressäuger wie Schweinswale.
Das Fundament jeder Anlage – der sogenannte Monopile – wiegt rund 1.000 Tonnen. Hydraulische Hämmer treiben ihn bis zu 30 Meter tief in den Meeresboden.
Salz und Wasser greifen Metall an. Deshalb schützt ein spezielles Korrosionssystem den Stahl für mindestens 25 Jahre.
Damit Strömungen den Boden nicht ausspülen, kommen tausende Tonnen Kolkschutz – schwere Steine oder Sandsäcke – zum Einsatz.
85 Kilometer Offshore liegt der Windpark entfernt – aber der Strom muss ins Netz. Hier kommt BorWin4 ins Spiel: eine 280 Kilometer lange Hochspannungs-Gleichstrom-Verbindung. Auf See wird der Wechselstrom in Gleichstrom umgewandelt, da dieser über lange Strecken deutlich verlustärmer transportiert werden kann. Das Kabel verläuft unter der Insel Norderney hindurch, durch das Wattenmeer und 155 Kilometer durchs Emsland – bis nach Hanekenfähr. Dort, wo einst das Kernkraftwerk stand, speist nun Nordsee-Wind ins Netz ein. Von hier aus gelangt der Strom auch in die BASF-Werke in Ludwigshafen.
BASF war zunächst mit 49 Prozent beteiligt, verkaufte 2025 jedoch seine Anteile zurück an Vattenfall. Stattdessen wurde ein 15-jähriger Stromabnahmevertrag geschlossen – Planungssicherheit für beide Seiten.
Ein häufiges Vorurteil lautet: Offshore-Windparks sind Umwelt-Alpträume.
Fakt ist: Der Bau greift massiv ins Ökosystem ein. Lärm, Fundamentierung und Schiffsverkehr belasten Meerestiere.
Gleichzeitig entstehen neue Lebensräume. Kolkschutz und künstliche Strukturen wirken wie Riffe. Fische, Krebse, Algen siedeln sich an. Größere Arten folgen.
Beim Thema Vögel gibt es unterschiedliche Einschätzungen:
Während Naturschutzverbände auf Kollisions- und Verdrängungsrisiken hinweisen, zeigen Studien des Bundesverbands Windenergie Offshore, dass viele Arten die Anlagen weiträumig meiden und es nur selten zu Kollisionen kommt.
Eine abschließende Bewertung ist schwierig – klar ist aber: Der Ausbau erfolgt unter zunehmender wissenschaftlicher Begleitung.
Offshore-Windparks sind extrem kapitalintensiv. Planung, Netzanbindung, Spezialschiffe, Fundamente – Milliardeninvestitionen. Doch langfristige Stromabnahmeverträge mit Großverbrauchern wie BASF schaffen Planungssicherheit. Gleichzeitig steigen CO₂-Preise und Anforderungen an klimaneutrale Produktion.
Für energieintensive Industrien wird grüner Strom zum Wettbewerbsfaktor.
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