So entsteht eine Steckdose „Made in Germany” - Gira in Radevormwald

So entsteht eine Steckdose „Made in Germany”

Du hast heute schon mehrfach eine Steckdose benutzt und dir vermutlich nie Gedanken gemacht, wo sie herkommt. Wir schon. In Radevormwald im Bergischen Land betreibt der Hersteller Gira sein Produktions-, Logistik- und Entwicklungszentrum. Auf 30.640 Quadratmetern laufen vollautomatische Produktionsstraßen und ein Lager, das sich selbst organisiert. Die Fabrik verbraucht Strom wie eine Kleinstadt — und erzeugt ihn seit einem Jahr zum großen Teil selbst. In unserer neuen XPLORE-Folge schauen wir uns drei Dinge an: die Produktion, die Energieversorgung und die Technik dahinter.

Wie wird eine Steckdose produziert?

Die Wertschöpfung läuft U-förmig durch das Gebäude: vom Wareneingang in die Produktion, von dort ins Lager und schließlich in den Versand. Am Anfang steht der sogenannte Schuko-Sockel. Er wird auf das Band eingelegt und durchläuft dann viele kleine Prozessschritte, bis am Ende eine fertige Steckdose im Zehnerkarton herauskommt. Alles vollautomatisch, ohne dass eine Hand eingreift.

Das Tempo ist der eigentliche Aha-Moment: Läuft die Anlage wie vorgesehen, verlässt alle 0,75 Sekunden eine fertige Steckdose die Straße.

Trotz der Automatisierung gibt es auch Handarbeit. An acht Arbeitsplätzen fertigt Gira just in time und ab Stückzahl eins. Wird ein Produkt am nächsten Tag auf der Baustelle gebraucht, entsteht es hier einzeln — bis hin zur Spezialsteckdose für ein Krankenhaus mit erhöhtem Spannungsschutz.

Wie funktioniert ein chaotisches Lager?

Die Bauteile kommen aus einem automatischen Kleinteilelager. „Chaotisch” heißt hier: Es gibt keine festen Stellplätze. Jede Kiste trägt eine eigene Identifikationsnummer und wird an definierten Punkten per Sensorik erfasst. Das System weiß damit jederzeit, welche Kiste wo im Werk unterwegs ist und was in welcher Stückzahl darin liegt. Ein Mensch würde Mehl immer an denselben Platz stellen. Das Lager stellt es auch mal ins Schlafzimmer — und findet es trotzdem sofort wieder.

Weil der Roboterarm über den digitalen Speicher navigiert, bleibt es im Lager weitgehend dunkel. Auch das spart Energie.

Woher kommt der Strom für die Fabrik?

Im Keller liegt die Energiezentrale: Kälte- und Wärmeversorgung, Blockheizkraftwerke, Absorptionskältemaschinen. Wärme, Kälte, Strom und Erdgas werden dort nicht getrennt, sondern als ein System betrachtet.

Dieses Konzept wurde 2019 mehrfach ausgezeichnet, unter anderem für nachhaltiges und energieeffizientes Bauen nach Cradle-to-Cradle-Ansätzen. Das Gebäude lag damals rund 45 Prozent unter dem geforderten Energiewert. Trotzdem hat Gira das Konzept noch einmal über den Haufen geworfen — nicht, weil es schlecht war, sondern weil das Unternehmen weg vom Gas will.

Dafür entstand ein eigener Solarpark:

  • 13.772 PV-Module mit je 650 Watt
  • rund 7 Hektar bespielte Fläche auf einem 7,7 Hektar großen Areal
  • komplett neu verlegte Leitungen quer durch das Industriegebiet bis zum Werk
  • gemäht wird die Fläche von Schafen, die ein ortsansässiger Landwirt zweimal im Jahr vorbeibringt

Das Ergebnis lässt sich an der Lastkurve ablesen: An sonnigen Tagen laufen beide Werke ab etwa acht Uhr morgens autark, je nach Wetter bis 18:30 oder 20 Uhr. In dieser Zeit bezieht der Standort keinen Strom mehr, sondern verkauft. Der Bedarf liegt bei 1.600 bis 1.800 Kilowatt. Gesteuert wird das über eine Regelmatrix, in die auch Wettervorhersagen und Erzeugungsprognosen einfließen. Aktuell investiert Gira zusätzlich in Batteriespeicher. Ziel ist, die Fabrik künftig auch nachts aus gespeicherter Energie zu versorgen und die Blockheizkraftwerke nur noch im Winter zu nutzen.

Wozu liegen zwei Millionen Liter Wasser unter der Halle?

Unter dem Hallenboden liegen zwei Sprinklertanks mit je einer Million Liter Wasser. Der offensichtliche Zweck ist Löschwasser für die gesamte Produktionsfläche. Der eigentliche Trick ist ein anderer: Die Tanks dienen als Energiespeicher. Je nach Saison und Bedarf schiebt Gira dort Wärme oder Kälte hinein.

Verteilt wird beides über den Energieboden. Über die komplette Produktionsfläche läuft im Prinzip eine Fußbodenheizung — und eine Fußbodenkühlung. Oben wird produziert, unten wird Wärme und Kälte gespeichert.

Im Dach sorgen über die Fläche verteilte Lichthöfe für Tageslicht und ein angenehmeres Arbeitsklima. Sie lassen sich über die digitale Gebäudesteuerung je nach Bedarf öffnen und schließen.

Was kostet das — und warum macht ein Familienunternehmen das?

Eine konkrete Zahl nennt Geschäftsführer Hanno Froese nicht. Dass es in Summe ein zweistelliger Millionenbetrag ist, bestätigt er aber. Seine Begründung ist die eines Familienunternehmens: Es gehe nicht um das laufende Quartal oder Geschäftsjahr, sondern darum, der nächsten Generation etwas zu überlassen.

Dieselbe Haltung prägt das Produkt. Gira kombiniert Design mit Technik, setzt dabei aber bewusst auf Zurückhaltung. Die Schalter sollen sich nicht in den Vordergrund drängen, sondern einen Innenraum begleiten.

Am Ende der Fertigung wird kommissioniert, verpackt und direkt auf die Baustelle geliefert — teils palettenweise, teils als einzelnes Paket. Produziert wird ausschließlich hier in Radevormwald. „Made in Germany” heißt in diesem Fall allerdings nicht Handarbeit, sondern hochautomatisierte Fertigung im 21. Jahrhundert, ergänzt um Einzelstücke auf Kundenwunsch.

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