
June 9, 2026
Hendrik Schabsky ist mit dem Familienunternehmen Atlas aufgewachsen. Seit 2020 ist er offiziell CEO und hält heute 97 Prozent der Unternehmensanteile. Das 1910 in Dortmund gegründete Unternehmen beschäftigt heute 1.500 Mitarbeitende – 300 am Standort Dortmund, 1.200 in zwei eigenen Betrieben in Rio Grande do Sul, Brasilien. Mit 165 Millionen Euro Jahresumsatz und 2,7 Millionen produzierten Schuhpaaren zählt Atlas zu den führenden Sicherheitsschuhherstellern Europas.
Sicherheitsschuhe sind längst kein rein funktionales Produkt mehr. Wo früher schwarze, schwere Gummisohlen den Ton angaben – oder im Ruhrgebiet des 20. Jahrhunderts gar Buchenholzsohlen gegen die Hitze der Stahlwerke –, orientiert sich Atlas heute klar an der Sportschuhindustrie. Design, Atmungsaktivität und Passform sind gleichwertige Anforderungen neben den gesetzlichen Sicherheitsnormen.

Das Ergebnis: Träger sagen heute nicht mehr „Ich trage Sicherheitsschuhe", sondern „Ich trage Atlasschuhe" – ein Markenbewusstsein, das Schabsky gezielt aufgebaut hat. Dazu gehört seit zehn Jahren auch eine Partnerschaft mit Borussia Dortmund, die Atlas internationale Sichtbarkeit in Polen, Ungarn, Tschechien und Rumänien verschafft.
2006 traf Atlas eine strategische Weichenstellung: Statt Fremdproduktion in Asien baute das Unternehmen eigene Fertigungsstandorte in Südbrasiliens Lederregion auf. Die Wahl fiel bewusst auf Rio Grande do Sul – dort sprechen viele Mitarbeitende durch ihre deutsch-stämmigen Wurzeln noch Deutsch, was die Kommunikation erleichtert.
Heute entstehen die Schuhschäfte vollständig in Brasilien, während in Dortmund die Besohlung und Qualitätskontrolle stattfinden. Diese vollständige Eigenproduktion ist laut Hendrik kein romantisches Bekenntnis zum Handwerk, sondern ein strategischer Vorteil: maximale Kontrolle über Qualität, Lieferketten und Reaktionsfähigkeit in Krisenzeiten.
Atlas versteht sich längst nicht mehr nur als Hersteller, sondern als Dienstleistungsunternehmen. Acht Schuhmachermeister fahren bundesweit zu Betrieben, vermessen Füße mit 3D-Scannern und beraten vor Ort – das sogenannte Fitday-Konzept, das für eine Anfahrtspauschale von 300 Euro buchbar ist.
Die übernommene Berliner Startup-Marke Market Steps ermöglicht maßgefertigte orthopädische Einlegesohlen auf digitalem Weg. Für das Ende des Jahres plant Schabsky die Serienreife 3D-gedruckter Einlegesohlen – und gibt dem vollständigen 3D-Druck von Schuhobermaterialien einen Horizont von drei bis fünf Jahren.
Hendrik spricht im Podcast offen über die wirtschaftliche Lage in Deutschland: steigende Insolvenzzahlen im Mittelstand, der Abzug von Industriearbeitsplätzen nach Ungarn und Polen, Energiekosten als Standortnachteil. Die Diskussion um Vermögens- und Erbschaftssteuer auf Betriebsvermögen hält er für politisch gefährlich, weil sie Unternehmensnachfolgen strukturell erschwert.
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