Dr. Sebastian Reddemann von der VHV Gruppe weiß: Ohne Versicherung geht beim Bauen nichts

Dr. Sebastian Reddemann – (Vorstand Komposit, VHV Gruppe) rechts, Michél-Philipp Maruhn (Gründer und Host, DIGITALWERK Podcast) links

Dr. Sebastian Reddemann – (Vorstand Komposit, VHV Gruppe) rechts, Michél-Philipp Maruhn (Gründer und Host, DIGITALWERK Podcast) links

Er wollte nie in die Versicherungsbranche. Heute ist Dr. Sebastian Reddemann Vorstand Komposit bei der VHV Gruppe und fasziniert von der Macht der Versicherungen.

Eigentlich wollte Dr. Sebastian Reddemann niemals einen Fuß in die Versicherungsbranche setzen. Eigentlich. Heute ist er Vorstand Komposit bei der VHV Gruppe, einem der größten deutschen Unternehmen für Versicherungen, Vorsorge und Vermögen. Zuvor war er mehrere Jahre bei der VHV als Abteilungsleiter für den Bereich Kraftfahrt und Gewerbe verantwortlich.

Dr. Sebastian Reddemann ist von Hause aus Mathematiker, Physiker und promovierter Wirtschaftswissenschaftler. Als Kind konnte er beobachten wie sein Vater als Generalagent Versicherungen verkaufte.  „Klinken putzen“ – etwas, das er sich nicht vorstellen konnte. Doch seine Einstellung gegenüber Versicherungen hat sich geändert.

In Bezug auf Ihr Image fristet die Versicherungsbranche noch immer ein Schattendasein. Versicherungsbedingungen seien häufig unverständlich, die Abwicklung eines Schadenfalles umständlich und Versicherungsvertreter seien nicht am Kunden interessiert, sondern am Verkauf. Doch ohne Versicherungen gibt es auch keinen Fortschritt. Versicherungen sind die Rückendeckung für das Risiko.

Dr. Sebastian Reddemann erkannte dieses Potenzial und die Macht, die von Versicherungen ausgeht. Erst durch sie werden Dinge überhaupt erst möglich. So würde niemand einen Kredit für ein Haus aufnehmen ohne dieses Haus abzusichern. Sollte das Haus durch einen Brand zerstört werden, bliebe der Kredit übrig, nicht aber das Haus. Dieses Prinzip gilt auch für gewerbliche Projekte: Kein Investor würde Geld zur Verfügung stellen, keine Bank einen Kredit bewilligen, wenn das Projekt nicht „versichert“ wäre.  

Die VHV wurde als Verein gegründet – als Haftpflicht-Versicherungsanstalt der Hannoverschen Baugewerks-und Berufsgenossenschaft - und blickt auf ein inzwischen mehr als hundertjährige Geschichte zurück. Noch heute ist die Konzernmuttergesellschaft, die VHV Vereinigte Hannoversche Versicherung, ein Verein. Diese Strukturen ermöglichen, dass das Geld im Unternehmen verbleibt: Gewinne aus „guten Zeiten“ werden in „schlechten Zeiten“, in denen horrende Versicherungsschäden auftreten, genutzt.  

Wann wird die Versicherung so richtig teuer?

2023 lag der Umsatz der VHV Gruppe bei  fast vier Milliarden Euro. Am Ende stand in der Bilanz ein Gewinn von 214,5 Millionen Euro. Das Unternehmen ist eine der führenden Versicherungen in Bezug auf private und gewerbliche Baurisiken, gilt als europäischer Bauspezialversicherer. Rund 75 Prozent der gewerblichen Kunden kommen aus dem Bausektor.

Denn: Bauen birgt Risiken. Und diese versteht die VHV laut dem Komposit -Vorstand Dr. Reddemann besser als andere. Gemeint sind Schadens-Wahrscheinlichkeiten und entstehende Schadenshöhen. Die Einschätzung, die oftmals auf Erfahrungswerte beruht,  ermöglicht, faire Prämien an die Versicherungsnehmer zu realisieren. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Je wahrscheinlicher ein Schaden ist und je höher der Schaden sein könnte, desto teurer wird die Versicherungsprämie.

Bauen ist Bestandteil der VHV-DNA, neben der KfZ-Versicherung eines der Kerngeschäfte. So war die VHV beispielswiese als Versicherer am Bau der Elbphilharmonie in Hamburg beteiligt. Dort waren es vor allem die kleinen Dingen, die aufliefen: Zahlreiche wellenförmige sonderangefertigte Scheiben gingen beim Bau kaputt. Die Kosten pro Scheibe waren so hoch, dass irgendwann alle Scheiben demontiert und separat gelagert wurden. So konnten zunächst andere Gewerke arbeiten, bevor die Scheiben wieder verbaut wurden.  

Pro Jahr geht eine mittlere sechsstellige Zahl an Schadensmeldungen allein im Bau-Segmentbei der VHV ein. Um die Schäden bewerten zu können, hat der Versicherer den VHV Bauschadenbericht ins Leben gerufen. Ein unabhängiges Institut für Bauforschung analysiert darin bestimmte Schadensbilder. Der Bericht fasst zusammen, wie häufig Dinge statistisch passieren und wird einmal im Jahr an die Bauwirtschaft ausgehändigt – als Wissenstransferleistung.

VHV versichert sowohl  planende als auch ausführende Akteure. Regelmäßige Formate zu haben, die einen branchenweiten Austausch ermöglichen, gewinnt im Unternehmen zunehmend an Bedeutung. Während der Corona-Pandemie hat sich ein digitaler Bautag etabliert, beidem namhafte Referenten über aktuelle Probleme und Themen in der Bauwirtschaft sprechen.

Es gibt kaum eine Sparte, für die es bei der VHV keine Versicherungslösung gibt.

„Wir versichern ungern Sägewerke. Holzstaub in der Luft, ein Funke dazu, das ist ein explosives Gemisch. Dort brennt sehr viel, sehr schnell. Das Gleiche gilt für Recyclingunternehmen, wo Gase entstehen. Das Risiko ist hoch. Der Schaden groß. Das ist dann oft sehr teuer.“
- Dr. Sebastian Reddemann

Die Kosten für die Versicherung sind für die betroffenen Unternehmen entsprechend hoch und teilweise an Bedingungen gekoppelt, um Schäden und vor allem Personenschäden von vornherein möglichst auszuschließen. In besonderen Fällen wird auch ein Besuch auf der Baustelle fällig, um vor Ort aus Versicherersicht unkompliziert vermeidbare Risiken zu identifizieren und sicherzustellen, ob beispielsweise der Arbeitsschutz eingehalten wird.

Die häufigste Frage im Versicherungsbusiness: Wer ist denn jetzt eigentlich Schuld?

Dr. Sebastian Reddemann weiß: Niemand hat ein Interesse daran, dass ein Schaden passiert. Für den Versicherer liegen die finanziellen Nachteile auf der Hand. Für den Bauunternehmer hat ein Schaden häufig Konsequenzen auf den Bauablauf und damit einhergehend auch auf die Projektkosten. Wenn ein Schaden passiert, steht die Baustelle zunächst still und die Suche nach dem Schuldigen beginnt. Dieser Prozess ist häufig an Gerichtsverfahren gekoppelt. Deshalb gäbe es die Möglichkeit, komplette Projekte abzusichern, also alle Planer, Subplaner und Ausführenden. Dann sei irrelevant, wer im Schadensfall schuld war.

Häufig entstehen Probleme dort, wo kommunikative Defizite bestehen, insbesondere zwischen einzelnen Gewerken oder zwischen Handwerkern und privaten Bauherren. In diesem Zusammenhang unterstützt die VHV die Plattform „Hand schafft Wert“. Dahinter steckt eine Initiative, die sich für mehr Wertschöpfung und Wertschätzung im Handwerk einsetzt.

Ein Beispiel: Ein privater Bauherr modernisiert sein Badezimmer und beauftragt hierfür einen Handwerker. Die sanitären Anlagenbeschafft der Bauherr eigenständig. Für den Handwerker bedeutet dies, dass dessen Mischkalkulation nicht funktioniert und wer übernimmt eigentlich die Gewährleistung und die Haftung, wenn beim Einbau etwas missglückt? VHV hat eine Lösung entwickelt, damit die Handwerker am Ende nicht befürchten müssen, an den Pranger gestellt zu werden. Wenn etwas schiefläuft, tritt die Versicherung ein.

Neben der Präventionsarbeit und der aktiven Vernetzung verschiedener Akteure über diverse Kommunikationswege, liegt ein weiterer Entwicklungsschwerpunkt der Versicherungsbranche in der Digitalisierung.

„Das Thema Datenverfügbarkeit ist einfach momentan noch kein gutes. Wir haben Hostsysteme, die sind 40 bis 50 Jahre alt. Die Leute, die diese Programmiersprache noch beherrschen, gehen mittlerweile in Rente. Daten verfügbar zu machen, ist eine große Hürde. Nichtsdestotrotz ist es uns ein Herzensanliegen.“
- Dr. Sebastian Reddemann

Wie oft klingelt das Telefon bei der VHV?

Dr. Sebastian Reddemann sieht große Potenziale, Erkenntnisse aus dem eigenen Datenschatz mittels KI gewinnen zu können. Gleichzeitig setzt er auf intelligente Tools als Unterstützung der Kolleginnen und Kollegen im Service. Bevor ein Kunde zu einem Mitarbeiter oder einer Mitarbeiterin durchgestellt wird, fragt eine KI in der Warteschleife bereits einzelne Punkte ab, sodass der Beratungsprozess letztlich treffsicher und zügig vonstattengeht.  

In der VHV Gruppe arbeiten mehr als 4.000 Menschen. 2023 bestanden im Unternehmen 12,8 Millionen Verträge. Täglich gehen unzählige Anrufe im Unternehmen ein – nicht nur wegen Schadensmeldungen, sondern auch wegen Vertragsangelegenheiten wie die Änderung einer Bankverbindung. Komplexe Beratungen müssen weiter durch das Team realisiert werden, aber eine IBAN-Änderung könnte laut Reddemann ohne Probleme automatisiert geschehen. Hier wird perspektivisch auch die Nutzung der Unternehmens-App wichtiger werden.

Das Versicherungs-Geschäftsmodell steht grundsätzlich auf robusten Beinen. Innovationen werden vor allem dann nötig, wenn neue Risiken entstehen. Während vor 20 Jahren noch niemand über das Thema Cyberrisiko gesprochen hat, entscheiden sich heute immer mehr Unternehmen für eine Cyberversicherung, um sich finanziell gegen Cyberangriffe zu schützen. Auch für Bauunternehmen sei das Thema relevant.

„Wenn auf einmal die gesamte Materialdisposition still liegt, die Rechnungen nicht mehr gezahlt werden, hat das eine sehr reale Auswirkung auf die Baustelle. Wenn so etwas passiert, ist man blank.“

Im Privatkundenbereich zählt sich die VHV zum mittleren Segment, mit dem Schwerpunkt auf KfZ. Doch in der Baubranche stehen sie auf dem Siegertreppchen. VHV hält allein einen Anteil von zirka 30 Prozent bei den Planern in Deutschland. Es gäbe Einzelkunden, die siebenstellige Prämien für ihre Projektezahlen. Dieses Kerngeschäft soll weiter im Fokus stehen. Das perspektivische Ziel der VHV: Bauprojekte von vorne bis hinten umfassend als Generalversicherer zu begleiten.

Die Themen des DIGITALWERK Podcasts mit Dr. Sebastian Reddemann im Überblick:

·        Warum Sebastian niemals bei einer Versicherung arbeiten wollte (00:02:57)

·        Weshalb die Fenster der Elphilharmonie für Kopfzerbrechen sorgten (00:09:50)

·        Warum die VHV ungerne Sägewerke versichert(00:16:46)

·        Was Qualität mit Kommunikation zu tun hat(00:21:44)

·        Wie innovativ die Versicherungsbranche wirklich ist (00:35:52)

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